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Saison 1972/1973
20. Spieltag - So., 21.01.1973, 14:30 Uhr
SpVgg Fürth - 1. FC Nürnberg
abgebrochen
Alle Voraussetzungen für ein rauschendes Fußballfest waren gegeben. Ein ausverkauftes Haus, die Prinzengarde sorgte für Stimmung und auch der Wettergott setzte sein strahlendstes Gesicht auf. Das Spiel begann mit Fürther Angriffswellen, vier Bilderbuchtore rissen die Anhänger von den Sitzen. Als der Club erwachte, zwei Tore aufholte, wurde es dramatisch - aber da war das Spiel schon zu Ende. Wegen eines Skandals, der durchaus zu vermeiden war.

Dabei hätten die Nürnberger diesen Abbruch vielleicht gar nicht nötig gehabt, denn zu diesem Zeitpunkt hatte der Club endlich seinen Rhythmus gefunden und es wäre durchaus möglich gewesen, dass er als Sieger nach 90 Minuten den Platz verlassen hätte. Vorher bestimmten allerdings die Fürther eindeutig das Spielgeschehen. Vom Anpfiff weg führten sie die richtige Taktik auf diesem tiefen, seifigen Boden vor. In der Abwehr spielten sie konsequent, mit einem überragenden Torhüter Löwer. Mit direkten und weiten Pässen wurde das Mittelfeld überbrückt und dadurch immer wieder Lücken in die Club-Abwehr gerissen.

Nürnberg wankte, die Fürther Tore fielen wie reife Früchte, eines schönes als das andere. Zuerst bombte Jäger aus 18 Metern ins lange Eck, dann köpfte Pieper seelenruhig ein. Beim 3:0 durch Detsch sah Hesselbach schlecht aus, der 25-Meter-Schuss schien haltbar. Und schließlich beendete Unger mit Hechtkopfball eine Traumkombination zum 4:0. Zu allen Fürther Toren leistete Spielmacher Bergmann die Vorarbeit. Er gewann das Duell gegen den Jugoslawen Slobodan Petrovic klar, der ihm niemals folgte oder entscheidend störte. Hier lag der Schlüssel zum Fürther Erfolg.

Nach der Pause, als Trainer Cajkovski seine Mannschaft radikal umstellte und die Kräfte der Fürther nachließen, bahnte sich eine Wende an. Für den zu braven Schabacker kam Wirbelwind Bittlmayer, für den zu umständlichen Max Müller stürmte der junge Sturz.

Jetzt lief das Club-Spiel. In drei Minuten holte die Elf zwei Tore auf. In der 58. Minute verwandelte Nüssing einen Foulelfmeter (Klump an Michl), nachdem Miograd Petrovic kurz vorher aus zwei Metern das Kunststück fertigbrachte, über das Tor zu schießen. Der gleiche Petrovic scheiterte schon in der 38. Minute an Löwer, als er einen Handelfmeter (Unger) zwar plaziert schoss, aber der tollkühne Löwer mit einer Flugparade abwehrte. Als Sturz dann in der 61. Minute eine Flanke volley zum 4:2 einbombte, kam noch einmal Spannung und Dramatik auf. Doch da griffen die Nürnberger Schlachtenbummler unrühmlich ins Spielgeschehen ein und das Spiel war vorzeitig zu Ende.

SONDERBERICHT ABBRUCH!

Die fünfte Rakete beendete beim Stande von 4:2 für Fürth das 209. Derby gegen den Club. Noch nie war dies in den bisherigen 208 Begegnungen passiert. Das bestätigte Hans Neger, von 1925 bis 1935 im Tor des „Kleeblatts". Und wütend knirschte der jetzt 71jährige Fürther: „Das haben die Nürnberger Zuschauer provoziert!"

Wahrhaft, wenn solche Spielabbrüche Schule machen, dann gute Nacht deutscher Fußball! Die Vereine brauchen sich dann nur noch eine Horde jugendlicher Radaubrüder mitzunehmen. Die können dann eine Niederlage abwenden, wenn sie in den Platz eindringen und Raketen abschießen.

Es ist ganz sicher, daß die Clubführung oder gar die Mannschaft nichts mit diesen Elementen zu tun haben; aber die Fürther weisen natürlich darauf hin, dass es sich ausschließlich um Eindringlinge aus Nürnberg gehandelt habe. Präsident Dr. Röllinger: „Unsere Mannschaft hat ausgezeichnet gespielt. Ein Tor war schöner als das andere. Nun wird sie bestraft. Sie fühlt sich natürlich verschaukelt. Die Schuldigen haben Clubfahnen mit sich geführt. Es ist traurig, wenn man in Zukunft nur noch eine fünfte Kolonne mitzunehmen braucht, um eine Niederlage abzuwenden."

Es ist zwar unmöglich, zu jedem Zuschauer einen Ordner zu stellen. Aber ein energischeres Eingreifen der Polizeikräfte hätte vielleicht doch etwas nützen können. Zudem hatte der Kleeblatt-Präsident den Chef der Fürther Polizei, Oberpolizeirat Horst Rischke, schon im Laufe der Woche darauf aufmerksam gemacht, dass den Club Gruppen von Jugendlichen begleiten würden, die den Spielablauf stören könnten. Er verwies dabei auf das Beispiel Bayreuth.

Seine Warnung wurde nicht ernst genug genommen. Selbst während des Spiels gab sich die Polizei noch gelassen. Obwohl Trainer Elzner die Ordnungshüter aufforderte und vor der Tribüne anflehte: „Helft uns doch, helft uns doch!"

Schon vor Spielbeginn zeichnete sich die Katastrophe ab. Ein Kind wurde durch einen Feuerwerkskörper verletzt. "Tschik" Cajkovski und Club-Kapitän Nüssing mussten auf die Gegengerade laufen und den Jugendlichen gut zureden, damit sie sich hinter die Barrieren zurückzogen.

Nach dem zweiten Clubtor in der 61. Minute ließen sich die Rabauken nicht mehr halten. Sie strömten wieder ins Feld. Kurz vorher hatte der Schiedsrichter noch gemahnt: „Bei der nächsten Rakete breche ich ab." Kaum landete die fünfte Rakete hautnah bei einem Spieler, brach Herr Riegg aus Augsburg ab. Es blieb natürlich eine Ermessenssache. Anderswo ging es jedenfalls unter solchen Umständen schon weiter.

Doch man darf sich andererseits Rieggs Argumenten nicht verschließen: „Die Hauptursache waren neben dem Eindringen auf das Feld die Raketen, aus nächster Nähe abgefeuert. Die Spieler waren höchst gefährdet. In solchen Fällen haben wir die Anweisung, abzubrechen."

Untröstlich war natürlich Fürths Mannschaft. Torhüter Peter Löwer, der einen Elfmeter von Miodrag Petrovic glanzvoll gehalten hatte („Plößl, der vom Club kam, verriet mir seine Ecke!"): „So ein Spiel darf man doch nicht abpfeifen. Nein, ich kann es noch nicht fassen!"

Nach den üblichen Verfahren müßte Fürth mit der Wertung 0:2 das Spiel als verloren diktiert bekommen und sogar noch eine Platzsperre oder Geldstrafe erwarten. Präsident Röllinger will aber in diesem Falle versuchen, eine Wiederholung zu erreichen: „Schließlich haben Nürnberger Anhänger die Alleinschuld an diesem Spielabbruch."

Es bleibt abzuwarten, ob der Süddeutsche Fußballverband den besonderen Vorfällen eine besondere Rechtssprechung zukommen lässt. In Mönchengladbach warf ein eigener Fan die Flasche. Das Spiel wurde auf neutralem Platz wiederholt. Wohlgemerkt, es war ein Europacupspiel. In Fürth waren die Übeltäter einwandfrei Anhänger des Gastvereins . . .



Anmerkung: Das Spiel wurde schließlich mit 2:0 für die SpVgg gewertet! Damit beschritt man einen neuen Weg. Nicht mehr der Platzverein wurde bestraft für Ausschreitungen von Gästefans, sondern der Gastverein.
SpVgg Fürth: Löwer - Schülke, Marchl, Ammon, Klump - Detsch, Bergmann, Unger - Heubeck, Pieper, Jäger - Trainer: Heinz Elzner
1. FC Nürnberg: Hesselbach - Schuster, W. Müller, Kröner, Brunner - S. Petrovic, Schabacker (46. Sturz), M. Müller (46. Bittlmayer) - Michl, Nüssing, M. Petrovic - Trainer: Zlatko Cajkovski
Tore: 1:0 Jäger (8.), 2:0 Pieper (10.), 3:0 Detsch (43.), 4:0 Unger (49.), 4:1 Nüssing (58., Foulelfmeter), 4:2 Sturz (61.)
Schiedsrichter: Riegg (Augsburg)
Zuschauer: 25000 (ausverkauft)
Besondere Vorkommnisse: Löwer hält Handelfmeter von Petrovic (38.) - Spielabbruch in der 64. Minute wegen Club-Hooligans! siehe Sonderbericht
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