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Saison 1926/1927
Freundschaftsspiel - Sa., 21.08.1926, 18:00 Uhr
SpVgg Fürth - 1. FC Nürnberg
0:1 (0:1)
85. Derby

Leute, die uns weismachen wollen, die Zuschauerziffern gingen beim Fußball zurück, sind Phantasten. Wenn an einem Samstagnachmittag annähernd 15000 Menschen nach Ronhof pilgern, um ein Match anzusehen, ist das sehr viel. Man bedenke: Hochkonjunktur des Sommerurlaubs noch dazu. Die Leute kommen schon, wenn etwas geboten wird. Das Ereignis hat sein Stammpublikum, dem es nichts ausmacht, ob es Backsteine regnet oder ob 50 Grad im Schatten sind. Es müssen aber auch „Ereignisse" sein. Die Väter unserer verwässerten Bezirksliga werden schon sehen, welche „Massen" zu „kleinen Ereignissen" kommen. Die Masse ist sportlich bereits so gut geschult - nicht immer erzogen! - dass sie eine feine Witterung für gute Programmnummern hat. Mir graut schon heute vor den gähnenden Stehplätzen mitten im Winter, wenn irgendein Tabellenletzter von einem ganz Großen ohne Erbarmen 90 Minuten lang abgewürgt wird.

Punkt sechs Uhr pfiff der Schiedsrichter Rossi (für den Club: "Unser Rossi", für die anderen Mannschaften: "Der dicke Angelo") das Spiel an. Nur die Herren Linienrichter verhielten sich noch in passiver Resistenz jenseits der Grenzpfähle. Sie erwachten etwa drei Minuten nach Beginn zur allgemeinen Belustigung und kamen in die Arena gestürmt, wo sie freudig begrüßt wurden.

Als die Sache losging, hatte man sofort das Gefühl: die beiden Parteien sind entsetzlich aufeinander geladen. Der Deutsche Meister wollte unter Beweis stellen, dass seine Meisterschaft auch in den Endkämpfen über die Leiche seines nächsten Nachbarn gegangen wäre. Der deutsche Altmeister wollte beweisen, dass der Vogel Phönix kühn und frisch aus der Asche (ausgestreut von der Presse!) erstanden sei und dem Kleeblatt die Krallen zeigen könne. Die beiden Stürmerreihen zeigten die bekannten überhasteten Eröffnungsläufe ohne Resultat. Der Fürther Weiß hatte dabei einmal eine Prachtgelegenheit, die Popp noch in letzter Sechzehntelsekunde sabotieren konnte. Der Fürther Angriff spielte frisch und flüssig. Er ging mit weiten Flügelvorlagen immer und immer wieder durch. Die Partie stand sehr zugunsten des Kleeblatts. Nürnbergs Abwehr hatte eine Bärenarbeit zu verrichten. Die Läuferreihe hufte nach hinten, und Kalb stand sehr oft hilflos mitten im Felde und bekam keinen Ball, weil die flinken Fürther immer mit hohen Vorlagen die große Lücke zwischen Nürnberger Abwehr und Angriff überbrückten. Der Nürnberger Sturm stand so ziemlich. Kalb bediente ihn selten und sehr mangelhaft. Auch erwischten die Fürther Hinterleute so ziemlich alles. Einmal rang sich Strobel graziös durch drei Gegner. Seine Flanke hätte ein besseres Los verdient. Die Mitte war meistens auf gar nichts gefasst. Desto besser die Gegner. Nürnbergs Angriff wollte gar nicht in Fluss kommen. Strobel hatte dann eine Karambolage mit Kleinlein. Kleinlein musste daraufhin geraume Zeit ausscheiden und wurde vorübergehend durch Stemmer ersetzt. Die Nürnberger merkten, welcher Wind wehte, und stellten sich auf starke, aufmerksame Verteidigung ein. Durch dieses Bollwerk konnte der Fürther Sturm schwer kommen. Allmählich ertönten die ersten und wohlvertrauten Klänge der „Holzauktion". Ich will hier nicht feststellen, wer angefangen hat. Das ist so ziemlich egal. Auf jeden Fall blühte der Revanchegedanke prächtig. Nur Rossi verhielt sich bescheiden. Das hatten die Leute bald heraus und bolzten darauf los. Zwanzig Minuten lang stand die Partie für Fürth glänzend. Schnelligkeit, Schmiss und Schussfreudigkeit auf der ganzen Linie. Die ganze Mannschaft hielt sich ausgezeichnet. Während dieser zwanzig Minuten war Kalb nicht der vielgerühmte Kalb der letzten Wochen. Dann aber erstand er in alter Größe. In der 20. Minute gab Kalb die erste wirklich gute Vorlage an seinen linken Sturmflügel. Sie wurde dankbar aufgenommen. Wieder schoss scharf an den linken Seitenpfosten, und über den sich werfenden Hörgreen hüpfte der Ball als einzige Ausbeute des Tages in den so streng behüteten Raum.

Nun hatte der Löwe Blut geleckt, und das Blättchen wendete sich bedenklich. Der Nürnberger Angriff kam auf hohe Tourenzahl, und nun konnte sich die Fürther Deckung nicht über Arbeitslosigkeit beklagen. Die verschiedenen Ecken für Nürnberg sind ohne Bedeutung. Heutzutage kann ja nur noch Höger wirklich gefährliche Ecken schießen. Die alte Binsenwahrheit: „Ecke ist halbes Tor!" gehört ins Museum. Kalb erreichte immer mehr eine spielerische Höhe von seltener Ausgeglichenheit. Aufbau und Zerstörung waren gleich vorbildlich. Das gab dem Spiel die entscheidende Wendung. Hörgreen hielt verschiedene gepfefferte Dinger mit Ruhe. Verschiedene Gelegenheiten schenkten die Nürnberger her. Nach langer Pause pfiff wieder einmal ein Schuss aus der Fürther Stürmerreihe am Nürnberger Tor vorbei. Sonst aber sah man vom Fürther Sturm herzlich wenig mehr. Das Hauptquartier des Deutschen Meisters lag beständig unter Feuer. Strobel bekam von Kalb selten schöne Vorlagen auf den freien Raum und erreichte in famosen Spurts auch meistens diese Bälle, was gefährliche Situationen im Fürther Strafraum auslöste. Hin und wieder erhitzten sich die Gemüter Hagen, Träg und Krauß. Rossi glättete jovial die Wogen der Leidenschaft. Nürnberg führte weiterhin ein auserlesenes Spiel vor. Infolge Überlastung der Fürther Läuferreihe werden die Kleeblattstürmer zu Statisten. Nur alle heilige Zeit wellte der Fürther Sturm gefährlich vor das feindliche Tor. Immer ohne Ergebnis. Kießling hätte beinahe einmal gleichgezogen. Der sehr gefährliche Flankenball verfehlte aber sein Ziel. Kurz vor der Pause verursachte die erste Ecke für Fürth eine kitzliche Drängelei im Klubstrafraum. Köpplinger beseitigte sehr brav die große Gefahr.

Nach der Pause nahmen die Fürther eine kluge Umstellung vor: Franz ging in die Mitte des Sturmes. Das Tempo war gewaltig. Ständig lagen beide Tore in der Gefahrzone. Eine gute Chance für Trag beseitigte Rossi durch falschen Abseitspfiff, Bald darauf aber ging es dem Gegner genau so. Das gegenseitige Holzen ging den vernünftigen Zuschauern bald auf die Nerven. Nur Rossi bewies eiserne Nerven. Erst als die Sache zu bunt wurde und die verschiedenen Gentlemans ihre werten Finger in den Mund nahmen und pfiffen, erwachte Rossi aus seiner Sanftheit und verwarnte Kalb. Das war umso deplacierter, als vorher mindestens dreißig gleichgelagerte Fälle bei beiden Parteien vorhanden waren. Rossi griff also 60 Minuten zu spät in die Holzerei ein, was sich übel bemerkbar machte. Die beiden Stürmerreihen machten die erbittertsten Anstrengungen, das Resultat zu ändern. Es blieb unerbittlich auf 1:0 für Nürnberg. Ein Saftschuss Ascherls fand bei Stuhlfauth freundliche Aufnahme. Auch Hörgreen musste sein Können unter Beweis stellen. Beide Parteien, erzwangen Ecken, die im Tiekännten Sande verliefen. Der Fürther Sturm wurde zusehends besser und Franz riss mit Schmiss das Kommando an sich. Im Verlaufe einer derben Holzerei wurde Kleinlein verwarnt, schied gleichzeitig wegen Verletzung aus und wurde durch Stemmer ersetzt. Einen ganz famosen Schuss Hochgesangs hielt Hörgreen mit Ruhe. Nürnbergs Tor kam bei einem Strafstoß durch Weiß in große Gefahr. Der Kampfgeist der beiden Mannschaften hielt unvermindert an. Es wurde mit einer seltenen Erbitterung um das Resultat dieser 90 Minuten gekämpft, die einer Meisterschaft würdig gewesen wäre. Bei einem herrlichen Alleingang Hochgesangs, der heftig nach Tor roch, musste der Nürnberger ins Gras beißen. Man hatte ihn höchst unfair gelegt. Gleich darauf verschossen die Nürnberger einige Gelegenheiten knapp. Beide Mannschaften waren auf voller Höhe und trotz des Tempos noch sehr frisch. Leinberger wurde verwarnt. Das Holzen ging weiter. Nur Tore fielen keine mehr. Etwas zu früh - die Dunkelheit kam näher schon! - pfiff Rossi zum Garaus.

Ascherl musste als Sturmführer versagen. Neben Seiderer macht Ascherl eine sehr gute Figur, aber als Stellvertreter des Mittelstürmers fehlen ihm die Einfälle und die Übersicht Seiderers. Es war auch gut, dass Franz mit Ascherl tauschte. Ascherls Leistung wurde dadurch um 50 Prozent besser. Franz versuchte mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln, die Prestigefrage zugunsten seines Vereins zu lösen. Es gelang ihm nicht. In den ersten zwanzig Minuten war der Fürther Sturm eine geschlossene Einheit. Dann aber bröckelten einzelne Teile bedenklich ab. Besonders Weiß ließ sich die Ruhe und Überlegung rauben. Er war nicht der Weiß, wie wir ihn vor der Sommerpause sahen: Auer und Kießling waren Außenstürmer großen Formats. Als allerdings Kalb auf der Gegenseite seine Hochform erreicht hatte, blieben die Vorlagen von hinten aus, und dies brachte den Sturm besonders von der 20. bis 40. Minute fast vollkommen zum Stehen. Nach der Pause glich sich das Stärkeverhältnis wieder aus und Fürth konnte viele Pluspunkte buchen. Die Läuferreihe Kleinlein (Stemmer) -Leinberger-Krauß wurde den höchsten Ansprüchen gerecht. Müller-Hagen waren stabiler denn je und der in den letzten Wochen viel verlästerte Hörgreen stand die 90 Minuten sehr brav durch. Seine beiden Vorderleute schenkten ihm beleidigend- wenig Vertrauen, so dass sie oft durch Wegschnappen eines gefährlichen Balles in letzter Sekunde den eigenen Tormann unsicher machten und gefährliche Lagen schufen.

Schmidt II ist ein kapriziöser, intelligenter Mittelstürmer. Er hat aber noch nicht jene unerlässliche Härte der alten Routiniers. Man bewachte den Mann gut, und er konnte sich nicht viel dagegen wehren. Sonst leistete er sehr saubere Arbeit und hatte gute Gedanken. Wie der Hochgesang als Halbstürmer sind zwar immer noch nicht jene rassigen Sprinter, wie wir uns diel vollendeten Halbstürmer vorstellen, aber ihre Ballarbeit, ihr Stellungsvermögen und ihre Schussfreudigkeit ließen keinen Wunsch offen. Hin und wieder kombinierte das Innentrio durch die bekannte goldene Mitte, besann sich aber rasch wieder auf die Koryphäen Trag und S t r o b e l, die als Flügelleute feine Läufe und rationelle Flanken vorführten. Kalb war 20 Minuten nicht ganz im Bilde. Das mussten auch seine beiden Nebenleute büßen, die entweder ganz vorne oder ganz hinten hängen blieben. Als Kalb aber der Souverän seiner Elf wurde und die geistige Zentrale, lief das Spiel für den Klub. Der Ball glitt ohne großen Kräfteaufwand von Mann zu Mann und sauste immer wieder im feindlichen Strafraum herum. Schmidt und Köpplinger waren jederzeit auf der Höhe der Situation. Kugler-Popp-Stuhlfauth standen als unbezwingbares Triumvirat eisern im Felde und machten die besten Absichten des Gegners zunichte. Schade, dass Popp bei Länderspielen niemals die prächtige Figur macht wie in der Rotjacke des Klubs.

Schiedsrichter Rossi machte einige Abseitsfehler, die ja bekanntlich selbst der berühmtesten Flötenkanone passieren können; zumal wenn ein Schiedsrichter etwas beleibt ist und dem Tempo zum Opfer fällt. Die größte Unterlassungssünde beging Rossi aber, als er längere Zeit einem Spiel zusah, bei dem weder Fleisch noch Knochen geschont wurden. Ich nehme hier keine Partei aus. Propaganda machte man damit keine, und es war gut so, dass vorher keine der berühmten Reden „von unserem schönen und herrlichen Sport gehalten wurde. Das war Faustrecht, meine Herren, in der höchsten Potenz. Ein alter Praktiker wie Rossi aber hätte hier mit Donnerkeil dazwischen fahren müssen.

Es geht hier nicht um das Resultat, obwohl es dem Spielverlauf nach gerecht ausfiel. Zahlen sind tote Angelegenheiten. Wollen wir uns freuen, dass wir in Nürnberg einen solchen Club und in Fürth eine solche Spielvereinigung haben.

Nach dem Spiel nahm sich der Verband dieser Holzerei an und sprach ein salomonisches Urteil: Kleinlein, Kalb und der Schiedsrichter Rossi wurden für je drei Monate gesperrt.

Pitt

SpVgg Fürth: Hörgreen - Müller, Hagen - H. Krauß, Leinberger, Kleinlein (65. Stemmer) - Kießling, Franz, Ascherl, Weiß, Auer
1. FC Nürnberg: Stuhlfauth - Popp, Kugler - Köpplinger, Kalb, H. Schmidt - Strobel, Hochgesang, J. Schmitt, Wieder, Träg
Tore: 0:1 Wieder (20.)
Schiedsrichter: Rossi (Stuttgart)
Zuschauer: 15000
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